Sind sich @breitenbach und @autopoiet uneinig darüber, dass sie sich eigentlich einig sind?

Gestern veröffentlichte Patrick Breitenbach eine Replik im FAZ-Blog „Deus ex Machina“, die die vorangegangenen Verunglimpfungen des Internets (zu einem „Leviathan“) in den etablierten Massenmedien und im Buch „Payback“ des FAZ-Chefs Frank Schirrmacher zu relativieren/kontern versuchte. 

[…] mein Artikel im FAZ-Blog [ist] tatsächlich ein Versuch mit relativ einfachen Worten und Metaphern dem derzeitig konstruierten Leviathan entgegenzutreten, sich eben nicht von ihm einfach verschlingen zu lassen.

aus Breitenbachs Kommentar bei autopoiet

Sebastian Plönges kritisierte in seinem Blog „autopoiet“ die Herangehensweise Breitenbachs:

Die Reaktion auf kulturpessimistische und technikfeindliche Positionen sollte m.E. nicht in (zu) einfachen Antithesen bestehen; Begeisterung für ein »neues« Medium darf nicht mit einem tieferen Verständnis eben jenes Mediums verwechselt werden (»verwechselt« im Sinne Spencer Browns, der in seinen »Laws of Form« das Gleichheitszeichen als Verwechslung definiert).

aus Plönges´ Artikel bei autopoiet 

Viel unterhaltsamer als die beiden Artikel, der Wortwechsel in den Kommentaren oder auf Twitter ist eigentlich, dass die beiden Diskutanten vor lauter Details völlig übersehen, dass sie offenbar das gleiche denken und wollen, nur auf unterschiedliche Art und Weise erklären wollen. Oder hab ich vor lauter wichtigen Theorie-Zitaten und Haarspalterei den Überblick verloren?

8 Gedanken zu „Sind sich @breitenbach und @autopoiet uneinig darüber, dass sie sich eigentlich einig sind?

  1. Und wie es dann so manchmal ist: Kaum habe ich diesen Artikel hier abgeschickt, schreibt Breitenbach in der Kommentardiskussion: „Und so weit entfernt von deiner These bin ich ja im Grunde dann auch gar nicht, mir macht es einfach nur Spaß zu streiten und einfach mal die eine oder andere Position einzunehmen (Perspektivenwechsel) meist die Spiegelverkehrte, weil sonst bewegt sich ja am Ende gar nix mehr! ;-)“Haben sie es also doch gemerkt.

  2. » Oder hab ich vor lauter wichtigen Theorie-Zitaten und Haarspalterei den Überblick verloren?«Möglicherweise (dabei gab es gar nicht so viele Theorie-Zitate). Was uns, also Patrick Breitenbach und mich, nach wie vor unterscheidet, ist der Zugang zur Bewertung des neuen Leitmediums Internet/Computer/Elektrizität. Ich bleibe nach wie vor dabei: Weil die Schirrmachers dieser Welt (und nicht einmal das stimmt, genau genommen) das Netz und seine Semantiken und Normierungen verteufeln und diese Position nachweislich zu kurz greift (da sind Patrick Breitenbach und ich uns offensichtlich einig) ist die bloße Umkehrung solcher Thesen nicht per se richtig. Aber das steht alles auch ausführlich im oben verlinkten Artikel. Der Teufel steckt – wie so häufig – im Detail. Für weitere Fragen komm‘ gerne herüber…😉

  3. Danke Marco.Nein wir sind nicht beide weit voneinander entfernt, aber ich glaube ich bin flexibler, wenns sein muss! ;-)Wie gesagt, mein Artikel entbehrt jedem rationalen Kalkül. Er ist aus dem Herzen geschrieben und soll natürlich auch mit gewagten Thesen verstören (nicht verletzen) und entsprechend zur Debatte anregen. Was ja auch geschehen ist.Letztlich hängt sich also die Debatte mit autopoiet an einem von mir rausgerotzen Satz auf, nämlich die der Kontrolle über die Maschinen, also die Umkehrung der oftmals kommunizierten Ohnmacht gegenüber den Maschinen. Mir ist sehr wohl klar, dass sich die Dinge gegenseitig bedingen, dennoch ist mir eine utopisch fomulierte Vision eines freien Willen lieber, als die wissenschaftlich ausgewogene Variante der Komplexität.Wie gesagt, ich habe eine andere Herangehensweise aber ganz bestimmt ein ähnliches Mindset.Hauptsache es entsteht eine nach vorne treibende Inspiration – wie auch immer.

  4. Auch wenn der Zugang ein unterschiedlicher sein mag, bleiben doch die Ziele und das grundsätzliche Verständnis der Problematik gleich. Ich wollte eigentlich nur aufzeigen, dass das Problem oft nicht eine unterschiedliche Auffassung ist, sondern nur der unterschiedliche Ausdruck selbiger. Das ist schade, weil dann viel Kraft für Detaildiskussionen verblasen wird. Ich glaube Patrick hat das besser verstanden, als Sebastian, auch wenn Sebastian vielleicht sogar recht haben mag.

  5. „Recht haben“ ist immer so eine Sache. Und „Recht haben wollen“ ist noch viel energiefressender. Beweglich zu sein ist wichtig, Empathie ist wichtig und eben in diesem Zusammenhang auch sich aus seiner Welt in die Welt des anderen hineinversetzen zu können. Debatten sind für mich oft einfach nur dazu da, um die Welt des anderen besser kennenzulernen. Von daher sind sie selten eine zeitverschwendung😉 Irgendwann muss man nur den Punkt abpassen, an dem man wieder auseinander geht. „Let’s agree to differ“, nennt das der Angelsachse. Wir Deutschen haben dafür keinen Ausdruck. Das prägt uns. Oftmals leider als Rechthaber.Bezogen auf Sebastian und mir: Er hat ein ähnliches Mindset und die Diskussion war nur die Überprüfung davon. Und doch leben wir eben jeder in seiner Welt. Er in der stärker wissenschaftlich geprägten (bei der man sehr auf Details und Codierung achten muss) und ich eher in der künstlerischen, bei der es darauf ankommt sein Herz auszuschütten, ohne groß darüber nachzudenken, es fließen zu lassen. Aber genau diese unterschiedlichen Eigenschaften brauchen wir. Das macht es erst spannend.

  6. Ja, Austausch von Positionen ist eine gute Sache, nur habe ich oft das Gefühl, dass dabei der Blick für das große Ganze verloren geht. Man verliert sich so leicht in Details und merkt erst hinterher, wie viel Zeit/Energie für eine im Ergebnis kaum weitergebrachte Diskussion verloren gegangen ist. Und ich denke, dass nicht jede Diskussion per definitionem führenswert sein muss. Manchmal ist es auch sinnvoll, eine Diskussion nicht in die Tiefe auszuweiten, sondern sich auf Basis der gemeinsamen Mindsets auf ein Fazit zu einigen. Das hilft den Lesern dann vielleicht mehr. Dabei will/wollte ich euch weder die wissenschaftliche noch die künstlerische Vorgehensweise ausreden. Wirklich!🙂

  7. Übrigens machen wir jetzt genau das, was ich eigentlich „verurteilen“ wollte. Wir verlieren uns in Details, obwohl wir uns eigentlich einig sind. Deshalb: Genieß deinen Sonntag🙂

  8. Noch zwei Sätze von mir (vielleicht sogar, gerade *weil* Sonntag ist?):Ich habe nicht im geringsten das Gefühl, dass Kraft für Details verblasen worden sind oder Patrick und ich Zeit verschwendet hätten. Im Gegenteil. Mir hat das sehr viel Spaß gemacht und ich habe sogar etwas dabei gelernt*. Ist doch super.Schönen Sonntag allerseits! Sebastian—* In diesem Fall, mal wieder, dass es meine Vorannahmen waren, die das beanstandete Missverständnis überhaupt verursacht haben: Ich habe, aus Reflex?, Patricks Artikel der Wissenschaft zugerechnet – ungerechtfertigterweise, wie sich im Laufe der Diskussion herausstellte. Hätte sie diesen Anspruch, würde ich mich auch gerne weiter streiten. Da Patrick aber ein anderer Ziel verfolgt, ist das geklärt. Im Gegensatz zu einem Kulturpessimisten Häuser’scher Coleur mag es große Schnittmengen zwischen uns geben – mit anderer Trennschärfe klaffen dort Schluchten. Und das ist auch »gut« so. Unterm Strich: mir hat das Spaß gemacht. Auch diese Meta-Diskussion hier gefällt mir, btw. Darum noch mal, diesmal augenzwinkernd: Schönen Sonntag allerseits!

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